KI braucht Kontext

Neulich im Radio hörte ich ein Interview mit einem Vertreter des Städtetages. Unter anderem ging es um die Personallücke, die durch die Pensionierung der Babyboomer in den nächsten Jahren entstehen wird. Das Fazit des Interviewten lautete, dass man nur durch eine umfassende Nutzung der digitalen Technologien diese Entwicklung auffangen kann. Denn letztendlich geht es um die Funktionsfähigkeit des Staates, die nicht mehr gewährleistet ist, wenn rund ein Drittel der Stellen unbesetzt bleiben.

Mich hat die Aussage noch einmal darin bestärkt, dass uns die oft vorherrschende Technikskepsis nicht mehr hilft. Natürlich will man den Einsatz von Technik nicht unkritisch hinnehmen, dennoch sollte man erst einmal alle Optionen in die Waagschale werfen, um sich dann durch Experimentieren für den richtigen Lösungsweg zu entscheiden.

Gerade im Zusammenhang mit dem Einsatz von KI würde ich mir mehr Experimentierfreude wünschen. Dazu möchte ich ein paar Gedanken zur Diskussion stellen. Wenn wir von KI sprechen, meinen wir immer eine sog. schwache oder enge KI, d.h. die technische Lösung ist nur für eine ganz bestimmte Aufgabe entwickelt und trainiert worden. Das geht bei dem Hype um ChatGPT oft unter. Meines Erachtens liegt der Vorteil von ChatGPT darin, dass ich eine Frage in natürlicher Sprache stellen kann und anschließend sich die Frage im Dialog mit der Maschine verfeinern lässt. Das Ergebnis ist dann eben nicht ein Link, dem ich folge, sondern ein Inhalt, der sich sofort verwenden lässt. Das ist natürlich ein unschlagbarer Vorteil gegenüber den klassischen Suchmaschinen. Allerdings benötigt man schon ein gewisses methodisches Know-how, um die einmal gestellte Frage zu präzisieren.

Was einen überrascht, ist die Vorstellung, dass ChatGPT jedwede Frage mit hoher Qualität beantworten könnte. Wäre das so, müsste man von einer starken KI sprechen, ChatGPT würde dann über die kreativen Fähigkeiten eines Menschen verfügen. Davon sind wir weit entfernt. Mich führten diese Überlegungen zu der Idee, dass der Anwendungskontext einer KI deutlicher herausgestellt werden muss. Da es hochspezialisierte Systeme sind, können Sie nur einen Nutzen erzeugen, wenn Sie exakt in dem Kontext verwendet werden, für den sie konzipiert wurden.

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Figure 1: Spezialisierte KI biblChat

In der Abbildung habe ich die Anwendung einer KI in einem Bildungsszenario skizziert. Was wäre denn, wenn man Studierenden eine KI zur Verfügung stellt, über die das gesamte Wissen der Bibliothek zugänglich wäre? Der Auftrag des Lehrenden wäre natürlich, den Studierenden das methodische Know-how der Recherche via KI beizubringen. Der Anwendungskontext der KI wäre aber über die Prozessbeschreibung klar definiert – die Implementierung des Prozesses erfolgt als prozessgesteuerte Anwendung. Wünschenswert wäre aus meiner Sicht, dass die KI konfigurierbar wäre, also der Lehrende die KI auf die Bedürfnisse seines Kurses zuschneiden kann.

Auf folgende Fragen suche ich Antworten:

  1. Welchen Entwicklungspfad werden KI-Systeme nehmen?
  2. Sind hochspezialisierte KI-Systeme denkbar und in angemessener Zeit entwickelbar?
  3. Können Sie sich eine Laborkultur im Realbetrieb vorstellen?

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